![]() Der Vorhang über dem Chevrolet Corvette der sechsten Generation in Gestalt eines Coupés mit abnehmbarem Hardtop hob sich bei der Detroit Auto Show im Januar 2004. Das Convertible folgte beim Genfer Salon im März. Die Hochleistungsvariante Z06 wurde neun Monate später wiederum in Motown nachgeliefert.
Dass sich dieser Dreisprung in eine neue "Vette"-Ära nicht bereits zum 50. Jubiläum des Modells im Jahr zuvor vollzog, erklärte Bob Lutz, GM-Debütant 1963 und nach Intermezzi bei BMW, Ford und Chrysler seit dem November 2001 erneut als Entwicklungschef für General Motors tätig, mit den wirtschaftlichen Folgen des Terror-Tags 11. September.
Trotz offenkundiger Innovation kam mit dem C6 wieder unverkennbar ein echter Corvette daher, nur irgendwie athletischer: Man hatte seine Kompositkarosserie knuffig eingedampft, hinsichtlich der Länge um 130 mm und der Breite um 25 mm, und zugleich den Radstand um 35 mm auf 2686 mm gestreckt. In Verbindung mit fetten 18-Zoll-Rädern vorn und 19-Zöllern hinten führte dies zu einem muskulösen Auftritt ganz im Sinne der verschworenen "Vette"-Gemeinde, während der weit hinten angesiedelte Motor zur nahezu ausgeglichenen Gewichtsverteilung von 51 zu 49 Prozent beitrug.
Im übrigen mischten sich wie üblich fortschrittliche und Retro-Elemente. Der charakteristische Hüftknick beschwor die Erinnerung an den Colaflaschen-Look der Fünfziger und damit an strategisch wichtige Partien der weiblichen Anatomie herauf. Und auch das stämmige Bootsheck, unter dem mittig vier Auspuffrohre drohend hervorlugten, zitierte diverse Vorgänger. Die kleinen separaten Scheinwerfer (Xenon für Abblend- und Fernlicht) unter einer klaren Kunststoffabdeckung hingegen entsprachen ebenso dem letzten Stand der Dinge wie das auf Wunsch verfügbare Navigationssystem und das Head-up-Display im Cockpit. Das Interieur des C6 erfreute die Einsitzenden mit hochwertigerer Materialanmutung und freundlichen Farben, nachdem sie sich schlüssellos Zugang verschafft hatten. Paradoxerweise gestattete dieses High-Tech-Detail einen kleinen Ausflug in die gute alte Zeit: Der Motor wurde per Knopfdruck zum Leben erweckt.
Bei diesem handelte es sich in Abkehr vom bisherigen Kult-Volumen 5,7 l um einen Sechsliter-Achtzylinder der Vortec-Baureihe (im GM-Code LS2), der 405 PS und ein maximales Drehmoment von 543 Newtonmetern unter designergedämpftem V8-Grollen lässig aus dem Ärmel schüttelte. Für den Z06 wurden gar 450 PS und eine Spitze jenseits von 300 km/h verheißen, wo sich der Pilot des Normal-C6 mit Tempo 290 bescheiden musste. An die Hinterräder weitergereicht wurde diese Urgewalt durch die bekannte Vierstufenautomatik oder ein leicht und knackig zu betätigendes Schaltgetriebe mit sechs Fahrstufen. In Verbindung mit einem Fahrwerk vom Feinsten – alle vier Räder hingen einzeln an doppelten Querlenkern mit den Corvette-spezifischen Querblattfedern – fügte sich all das zusammen zu großem Fahrspaß bei gokartmäßigem Handling fern jeglicher Weichlichkeit, wie sie noch in altehrwürdigen Vorurteilen mit Autos aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten verbunden sein mochte. Viel Entwicklungsarbeit am C6 war auf deutschen Abenteuerspielplätzen wie wenig befahrenen und von Geschwindigkeitsbegrenzungen noch unverstümmelten Autobahnen und der Nordschleife des Nürburgrings geleistet worden. Kein Wunder: Nur ein Bruchteil der Corvette-Produktion von rund 35000 Einheiten pro anno in Bowling Green/Kentucky, hatte bislang den Weg nach Europa gefunden.
Das sollte sich, so Bob Lutz zuversichtlich, nun ändern – viermal soviel wie bisher wolle und werde man schon absetzen.
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